Ins Dunkel geblitzt

Insomnia. Schlaflos. Oder, einfach gesagt, die Fähigkeit, über Stunden in der Nacht zu liegen und ins Dunkel zu starren, während die Welt ihre verdiente Pause einlegt. Minuten, die sich anfühlen wie Stunden und Sekunden, in denen Zeit relativ wird, im wahrsten Sinne.

Spitze ©Kathrin Kolbow

Nicht nur die Zeit wird fremd. Auch die Umgebung wandelt sich in mal mehr, mal weniger schwarze Flecken, die, je länger man in sie hineinstarrt, ein eigentümliches Rauschen annehmen. Atmosphäre, die am hektischen Tag in Banalitäten untergeht und erst in der Nacht zum Vorschein kommt. Die Welt in ihrer reinsten Form. Immer noch ungesehen, im Normalfall. Nur waren die letzten paar Nächte fern jeder Alltäglichkeit. Ich fand mich alleine wieder. Nicht nur mitten in der Nacht, auch am Tag streifte ich nur für mich durch diese Welt und was des Tages relativ einfach war, verwandelte sich des Nachts in ein ruheloses Existieren.

Pille ©Kathrin Kolbow

Es braucht nicht lange, dann bin ich mir selbst zu viel. Ein Mensch, und zu dieser Gattung zähle ich nun mal, ist nur für eine begrenzte Zeit dazu in der Lage, sich selbst zu ertragen. Dann braucht er Artgenossen, die seine Aufmerksamkeit lenken, die der eigenen Stimme ein Ziel geben, einen Sinn. Nichts fühlt sich fremder an, als mitten in der Nacht in ein leeres Zimmer zu sprechen. Und auch wenn kein hörbares Echo auf einen zurückfällt, so fühlt es sich so an, als lege sich die Last des Gesagten auf den eigenen Körper, fast so als hätte jede Silbe ein Gewicht, unabhängig von ihrer Bedeutung. Worte haben Masse.

Mond und Stern ©Kathrin Kolbow

Was Zeit ebenso gut zu dehnen weiß ist die Stille. Und von der gibt es mitten in der Nacht unendlich viel. Wenn dieses Nichts an Geräuschen in den Gehörgängen implodiert und dumpf und drückend dem vertrauten Rauschen des eigenen Blutes weicht, ist an Schlaf kaum mehr zu denken. Die Finger fangen an zu kribbeln, das Herz schlägt schneller und der verzweifelte Versuch, die Augen fest geschlossen zu halten scheitert immer wieder im hektischen Blinzeln. Irgendwann habe ich Licht in dieses Dunkel gebracht, das mich umgab. Mit meiner Kamera. Habe mich über Stunden fast blind geblitzt und dabei der Umgebung neue Formen gegeben. Im Bruchteil einer Sekunde war sie da, immer wieder, diese Welt, ihre vertrauten Objekte, die gefroren in grelles Licht etwas ganz neues erschufen. Etwas, in dem die Zeit nicht die geringste Chance hatte, zu herrschen. Bis die Nacht sich erneut über all das legte, was mich umgab. Dabei dunkler als je zuvor, doch jetzt nicht mehr so fremd.

Am Ende bleibt ein zusammengewürfeltes Etwas. Eine Chimäre, die im Dunkeln lebt und sich mit der Zeit dort häuslich eingerichtet hat. Ein Ich, das sich selbst formte, aus Sekunden voller Licht, aus Minuten voller Stille und Stunden, in denen diese einsame Nacht nichts anderes mehr war als Atmosphäre, die sich auf das sonst Vergessene legte. Schlaflos, aber neu.

[insomnia] ©Kathrin Kolbow

Veröffentlicht von derdarkroom

Fotografin mit künstlerischem Schwerpunkt.

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