Cocoon

Am 31. Dezember 2019 wurde der Ausbruch einer neuen Lungenentzündung mit noch unbekannter Ursache in China bestätigt. Am 11. Februar 2019 schlug die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Namen COVID-19 für die Infektionskrankheit vor. Im Januar 2020 entwickelte sich die Krankheit zur einer Epidemie in China, am 11. März 2020 erklärte die WHO die bisherige Epidemie offiziell zu einer weltweiten Pandemie. Geboren war ein Szenario, das sich der moderne Mensch von heute kaum hätte vorstellen können. Unwissenheit wurde zu Angst, die sich in panischen Hamsterkäufen und unerbittlichen Schlachten um das neue weiße Gold, dem Toilettenpapier, entlud.

Zugvögel ©Kathrin Kolbow

Dann war er da, der erste Lockdown und mit ihm eine neue Lebensrealität, an die es sich erst einmal zu gewöhnen galt. Die eigene Wohnung, sonst ein Rückzugsort vor der viel zu lauten Außenwelt, verwandelte sich nach und nach in enge Räume, in denen taube Körper mit aufgewühltem Geist ziellos umherwanderten. Das da draußen war kaum mehr wiederzuerkennen und Systeme, die meisten auf porösem Sand gebaut, gerieten gefährlich ins Wanken. Plötzlich war Abstand das oberste Gebot. Nicht zu dem Fremden, vor dem der Mensch schon immer scheu zurückgewichen ist, sondern auch zu den Vertrauten, die man umso mehr ganz nah bei sich wissen wollte. Wenn Berührungen zur Angst werden, steht die Seele still. Starr vor den Konsequenzen, die das Handeln auf einmal so offensichtlich und meist unausweichlich nach sich zog.

Tage vergingen. Wochen zogen sich wie zitternde Linien durch die Geschichtsschreibung und mit der Zeit verwandelten sich die engen Räume zurück. Die Wohnungstür wurde zum Bollwerk, die Fenster zu Sehnsüchten, zum vielleicht dann irgendwann mal wieder und die Zeitangabe wenn der ganze Mist vorbei ist, übersetze ein allgemein verstandenes Gefühl von Hoffnung in Worte. Sätze, eine Sehnsucht umkreisend, dass die Welt doch stets die selbe bleibt. Dass die gefühlte Normalität von dem inzwischen im dichten Nebel liegenden davor zurückkehren würde, dass es das alte, unbekümmerte Ich noch gibt. Irgendwo in uns. Als Kern von allem.

Lichter ©Kathrin Kolbow

Trotzdem zieht sich immer wieder eine Szenario durch die Wochen dieser Pandemie, die sich mittlerweile zu unwirklichen Jahren aufgehäuft haben. Die Pläne, die gemacht wurden, für bessere Zeiten. Vorhaben, zu denen jetzt die Menschen fehlen. Individuen, die uns verloren gegangen sind, auf so vielen Ebenen, dass nur Taubheit das Gefühl beschreiben kann, das jetzt in vielen von uns bleibt. Ideen wie Gespenster, die unermüdlich ihre Geschichten flüstern, von den hätte, wäre, wenn’s. Ein Flüstern, das zu gleichen Teilen das Hier und Jetzt, die Menschen, die den Weg immer noch mit uns gehen, umso wertvoller macht. Der Mensch versteht erst, was er hatte, wenn es nicht mehr da ist. Immer zu spät. Immer nur für kurze Zeit.

Was bleibt ist die Ungewissheit, ob ein davor noch existiert, ob es zurückgeholt werden kann, in die Zeit danach. Ob die alte Normalität uns überhaupt noch passt oder ob sie erst wieder zwanghaft passend gemacht werden muss. Vielleicht lernt der Mensch ja auch aus der Vergangenheit, zum ersten Mal in seiner, vom Vergessen geprägten Geschichte.

Hände ©Kathrin Kolbow

Link zum Buch „Cocoon“

Veröffentlicht von derdarkroom

Fotografin mit künstlerischem Schwerpunkt.

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