Nirgendwie Sommer

Was tun, wenn die Bilder schweigen, aber die Gedanken nicht? Wenn der Normalfall nicht eintritt und das alte, mittlerweile so lieb gewonnene Ventil seine Funktion einstellt. Noch nicht mal mehr ein leises Tröpfeln, rein Garnichts. Die Idee des eigenen Daseins hängt fest zwischen bleierner Lethargie und einem Hyperaktivismus, der den Druck im Kopf sekündlich erhört. Dieses Kribbeln hinter den Augen, an das nichts auch nur im Ansatz nahe dran kommt. Es macht einen verrückt, ganz langsam. Und während dessen teilt man sich selbst den besten Platz im Zuschauerraum zu. Meine Damen und Herren, machen Sie es sich gemütlich, es folgt: der Anfang vom Ende.

Es ist dieses Kribbeln in den Schulterblättern, das sich auswächst zur Nervosität. Taub, wie Narben. Eine Erinnerung an Freiheit, die Sehnsucht nach dem Loslassen. Der Kloß im Hals wird größer, matt zerschneidet er routiniert das Sein und seine Verbindung zum Jetzt. Was war, nimmt Oberhand, was sein wird verschwindet hinter der Maske des Würde. Die Gegenwart fließt durch Adern dünn wie Seide, stockt wie Teer. Darin Spuren einer längst vergessenen Welt, die Heimat all der Möglichkeiten, die im Vielleicht langsam ersticken. Es ist Sauerstoff, der fehlt. Und doch besteht der Atem nur aus Hier und Jetzt. Schwefel, blass wie Erinnerungen an die Zukunft. Und Schlüsselbeine, die sich kreuzen unter all der Last.

Kathrin Kolbow [Nirgendwie 21:50]

Anstatt schreiend unterzugehen, in der Hoffnung, dass mich schon irgendjemand hören würde, bin ich irgendwann einfach stehen geblieben. Inmitten all der Hektik, all des Lebens, das in bunten Bahnen um mich, meinen Körper und meinen Geist herum pulsierte. Das weiter machte, als wäre nichts und mich dabei irgendwie vergaß, zu berühren. Im Allgemeinen keine Neuerung zu dem mir bekannten Zustand. Jedoch diesmal im kompletten Blindflug.

Immer, wenn ich die Kamera zur Hand nahm schien sie schwerer als zuvor. Das Licht versagte mir den Dienst. Alles, was ich mühevoll zu Stande brachte ähnelte mehr einem Haufen sinnlosem Pixelmülls als einem tatsächlichen Foto. Und jedes Mal erhöhte sich der Druck, der mich immer weiter runterzog. Was war es? Ein kleines Tal, das es zu überwinden galt? Oder doch das schwarze Loch, sechs Fuß tief und ziemlich rechteckig, quasi mit dem Lineal gezogen. Und woher kam es? Dieses gefühllose Gefühl. Dieser leere Zustand, der mich immer weiter in die Isolation trieb und dabei alles nur noch schlimmer machte. Ich weiß es nicht. Oder, vielleicht weiß ich es doch, mittlerweile, und will es bis heute nur nicht beim Namen nennen. Tatsache war, ich hätte mich gut und gerne als braindead auf der gesamten bildhaften Ebene bezeichnen können, wäre ich damals auf diese glorreiche Umschreibung gekommen.

Nichts ist der Mensch ohne sein Leid. Schwere tanzt mit Leichtigkeit um es herum und kriecht dir dann in dein Gesicht, macht es lachend, macht es grinsend, diese Maske. Zähne weiß wie Schnee. Falten, in denen sich nichts weiter verbirgt als graue Traurigkeit. Und dazwischen, immer die selbe Frage, seit Anbeginn der Zeit. Nicht der Zweifel am Sein beherrscht das Denken. Vielmehr die Frage nach dem Zwang. Muss ich das alles hier mitmachen? Immer weiter mitmachen?

Kathrin Kolbow [Nirgendwie 09:20]

Stille Tage hinter mir, stille Tage vor mir. Leise Schleichen durchs Leben, Müde Gedanken machen die Lider schwer und die Hände taub. Zweifel, der mit schleicht und mir dabei in die Seele starrt. Ein alter Bekannter mit festem Wohnsitz hinter meinen Augen. Schon immer so gewesen, das macht es nicht leichter. Ich glaube, ich wurde schon alt geboren, denn das Heute fühlt sich an wie über meiner Zeit. Ein Bonus, den niemand haben möchte. Taube Füße, schwache Stimme und ein Herz, das in die Stille schlägt.

Kathrin Kolbow [Nirgendwie 20:41]

Hirntot, verrückterweise nur auf der Ebene, die mir sonst die Ideen zu meinen Fotos lieferte. Es ist ja meistens so, eine Sache schweigt still und verkriecht sich in die hintersten Ecken des Verstandes und eine Andere nimmt ihren verwaisten Platz ein. Und wo die Kamera tonnenschwer in meinen Händen lag, flog der Stift nur so über das Papier. Worte formten sich wie von selbst. Absatz für Absatz. Seite für Seite verschafften mir die kleinen Abschnitte die Luft zum atmen, die so bitter nötig war.

Irgendwie war ich trotzdem nirgendwo so richtig. Und Nirgendwie entstand. Getrieben von dem Zwang, weiterzumachen. Entgegen all der Schwärze, die mich umgab. Ganz allmählich füllte sich die Leere in mir wieder mit Sinn. Mit der Art von Substanz, die Worte nicht umschreiben können. Und was sich jetzt anhört wie ein kurzer Abstecher in eine andere Art der Existenz zog sich in Wahrheit über Jahre. Lange Monate, in denen ich Menschen vergaß, die mir ans Herz gewachsen sind. Wochen, in denen ich mich nur vage daran erinnern konnte, wer ich eigentlich war.

Mittlerweile hat die Kamera zu ihrem alten Gewicht zurückgefunden. Die Bilder sind wieder da, wo sie hingehören. Was nicht bedeutet, dass die Worte verschwunden sind, ich hätte sie nur ungern wieder gehen lassen. Viel mehr teilen sich Wort und Bild jetzt den Platz in meinem Kopf, eine produktive Koexistenz. Wie zwei Teile vom Gleichen. Die zwei Teile von mir.

Irgendwann, ein letztes Mal, und alles wird verloren sein.“

Kathrin Kolbow [Nirgendwie 21:35]

Veröffentlicht von derdarkroom

Fotografin mit künstlerischem Schwerpunkt.

2 Kommentare zu „Nirgendwie Sommer

  1. Sie sollten wirklich darüber nachdenken, einen Roman zu schreiben. Sie schreiben sehr schön und ich kann mir vorstellen, dass Sie damit viele erreichen können!

    Nur weiter so 🙂

    Gefällt mir

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